Spielfilm „Es“ (2017)

In einer Kleinstadt in Maine verschwinden Kinder auf unerklärliche Weise. Der 12-jährige Stanley und seine Freunde kommen hinter das Geheimnis des Clowns Pennywise, der alle 27 Jahre auftaucht um sich von den Ängsten der Kinder zu ernähren und sie zu ermorden. Die Kinder beschließen das Monster aufzuspüren und unschädlich zu machen. Der Roman von Stephen King ist eines seiner besten Werke, das über 1000 Seiten die Ängste und die Freundschaft der Jugendlichen im Jahre 1960 beschreibt. Die Welt der Kinder und die Welt der Erwachsenen ist in dieser Zeit sehr stark abgeschottet, auch gerade weil in dieser Zeit die gesellschaftlichen, politischen und sexuellen Entwicklungen in vollem Gange sind. Die Kinder leben in einer Welt voller Verbote und Tabus. Die Übertretung der Grenzen und die damit einhergehenden Ängste und Schuldgefühle thematisiert Stephen King immer wieder eindrücklich und überhöht die psychologischen Auswirkungen mit Horroreffekten. So geht es im Roman und auch im Film um die Ängste der Jugendlichen, die nur überwunden werden können, wenn die Kinder sich dazu durchringen darüber zu reden und gemeinsam als Gruppe dem Horror gegenübertreten.

Der Film Es von Andrés Muschietti ist nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland enorm erfolgreich. Wer den Film gesehen hat, wird sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass dieser Film eigentlich langweilig ist. Er hat sogar enorme erzählerische Mängel, denn dass die Jugendlichen auch nach dem wiederholten Aufeinandertreffen mit dem Clown immer nur hysterisch schreiend davonlaufen oder sich in den dunklen labyrinthischen Gängen immer wieder von den anderen entfernen, ist im hohen Maße unglaubwürdig. Auch sind die Hauptfiguren durch die Bank weg keine widersprüchlichen Charaktere, sondern gute Jungs und ein Mädchen, deren einziger Konflikt es ist, ob sie bei der Bekämpfung des Monsters mitmachen sollen oder nicht. Die eindimensionalen Figuren machen die ganze Handlung vollkommen vorhersehbar und auch die Horroreffekte erzeugen kaum Spannung, da der Ausgang der Auseinandersetzungen für die Kinder den Erwartungen entsprechend gut ausgehen. Besonders ärgerlich ist in diesem Zusammenhang auch die Szene, in der sich das Mädchen den sexuellen Annäherungsversuchen ihres Vaters ausgesetzt sieht und welche dramatischen Ereignisse daraus entstehen. Die schwerwiegenden Konsequenzen aus dieser Episode werden nicht erzählt und einfach unter den Teppich gekehrt.

Warum also dieser enorme Erfolg? Die Identifikation des Publikums mit den Protagonisten eines Filmes oder jeglicher anderen Geschichte verläuft immer über eine seelische oder körperliche Verletzung. Bei Es geht es sowohl beim Film als auch beim Roman um die Verletzungen und Ängste von Kindern. Diese Erfahrungen scheinen etwas Archetypisches auch bei Erwachsenen auszulösen, die sich an ihre angstbesetzte Kindheit erinnert fühlen und bei der Geschichte sich möglicherweise eine Erlösung erhoffen. Aus dramaturgischer Sicht ist der Erfolg des Filmes nicht zu erklären, da die Figuren nicht widersprüchlich sind und sich auch untereinander kaum eine Beziehung entwickelt. Der Film konzentriert sich auf die Not und die Leiden der Kinder. Ihre Ängste locken den Clown an.

Gute Stephen-King-Verfilmungen sind an einer Hand abzuzählen: Shining, Die Kinder des Zorns, Misery, Dolores. Gerade die jüngsten missglückten Verfilmungen wie Under the Dome oder 22.11.63 zeigen, wie schwierig es ist, die Geschichten von Stephen King zu verfilmen. Die Hauptfiguren sind in aller Regel eindimensional als positive Sympathieträger angelegt. Das geniale an den Romanen von Stephen King sind die psychologischen Überhöhungen in den Horroreffekt. Ängste sind aber nicht zwangsläufig auch psychologische Konflikte. Die Helden ringen mit ihren Ängsten und indem sie das Richtige tun, überwinden sie ihre Angst und werden zum Helden. Das ist im Film nicht einfach darzustellen, da dies ein einsamer, psychologischer Prozess ist, der im Inneren einer Person stattfindet. Eine Interaktion mit einer anderen Person oder das Erreichen der wahren Bedürfnisse einer Figur findet damit aber noch nicht automatisch statt. Die Geschichten im Film und vor allem in der Serie leben von den Beziehungen der Menschen untereinander. In den Verfilmungen nach Vorlagen von Stephen King reagieren die Helden häufig nur auf die äußere Bedrohung und entwickeln keine psychologische Ziele oder Beziehungen. Das einzige äußere Ziel ist zu überleben. Im Prinzip sind die Bücher von Stephen King psychologische Romane, die sich als Horrorgeschichten tarnen. Im Film werden diese psychologischen Geschichten in einen Action- oder Horrorfilm umgewandelt, der ganz anderen dramaturgischen Gesetzen unterliegen. Stephen King ist eigentlich nicht verfilmbar und man sollte die Finger davon lassen. Es sei denn man heißt Stanley Kubrick und verbessert die Geschichte an den entscheidenden Stellen.

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