Serie „Suits“

Eine gelungene Charakterisierung der Hauptfiguren ist für die Erzählung einer Geschichte die halbe Miete. Die Charakterisierungen der beiden Protagonisten Harvey Specter und Mike Ross der Anwaltsserie Suits sind Teil einer genialen Erzählkonstruktion, die diese Serie weit über andere ihrer Art hinaushebt. Die beruflichen Erfahrungen des Showrunners Aaron Korsh, der fünf Jahre an der Wall Street gearbeitet hat, ist der Serie deutlich anzumerken.

Harvey Specter ist ein erfolgreicher Anwalt, dessen Anspruch es ist, alle Prozesse zu gewinnen und keine Gefühle zu zeigen. Er heuert den emphatischen Mike Ross an, der kein Anwalt ist, aber aufgrund seines fotografischen Gedächtnisses alle Gesetzestexte auswendig und alle gelesene Urteile abrufen kann. Mikes überragenden Fähigkeiten sind die Grundlage für die beruflichen Erfolge von Harvey und seiner Kanzlei. Der Weg ein legaler Anwalt zu werden, ist Mike verbaut, da er erwischt worden ist für andere Kommilitonen die Zulassungstests an den juristischen Fakultäten der Unis zu absolvieren. Da Mike nicht als legaler Anwalt arbeiten kann, muss dieses Geheimnis unter allen Umständen gewahrt bleiben. Aus dieser Lüge heraus entwickelt sich automatisch eine widersprüchliche Handlung und verwandelt die Protagonisten; die von dieser Lüge wissen, zwangsläufig in widersprüchliche Figuren. Die dramaturgische Sprengkraft liegt in der Frage, wer erfährt die Wahrheit über Mike Ross und welche Auswirkungen hat dieses Wissen auf die Anwaltskanzlei und die Beziehungen der Protagonisten? Die Installierung der Lüge ermöglicht nicht nur widersprüchliche Figuren, sondern durchdringt alle Erzählelemente, Handlungsstränge und Beziehungskonstellationen. Der Betrug macht Mike Ross zum besten Anwalt der Kanzlei, die Mitwisser werden zu kriminellen Mittätern und falls die Wahrheit herauskommt, ist alles, was Mike Ross jemals angefasst hat, illegal. Die Widersprüchlichkeiten auf allen diesen Ebenen führen zu zahllosen Kombinationsmöglichkeiten und machen die Serie zu einer vielschichtigen Erzählung.

Deutlich wird diese Vielschichtigkeit, wenn man sich das Beziehungsgeflecht dieser Serie genauer anschaut. Dass der emotionslose und erfolgreiche Egomane Harvey Specter immer wieder seine schützende Hand über Mike Ross hält und Mike Ross aufgrund seiner Warmherzigkeit immer wieder in Konflikt mit den gesellschaftlichen Normen gerät, ist nur ein Beispiel unter vielen, wo gesetzte Positionen unterlaufen und in ihr Gegenteil verwandelt werden. Beide beeinflussen sich gegenseitig und ergänzen die Defizite des anderen; für Harvey sind es die Gefühle, für Mike die egoistische Härte und Durchsetzungskraft.

Das Personal in der Anwaltskanzlei wird im Laufe der Zeit in ein Beziehungsgeflecht eingewoben, das wie eine große Familiengeschichte organisiert ist. Die Matriarchin Jessica Pearson leitet die Kanzlei, die Seniorpartneranwälte Harvey Specter und Louis Litt verhalten sich wie rivalisierende Söhne, Harvey protegiert seinen besten Freund als illegalen Anwalt, die Anwaltsgehilfin verliebt sich in einen Anwalt, der keiner ist und Harveys Sekretärin Donna agiert wie eine partnerschaftliche Ehefrau. Die Anwaltskanzlei ist hier nicht einfach ein Arbeitsplatz wo juristische Konflikte aufgearbeitet werden, sondern ein Ort wo die juristischen Fälle in die Entwicklung der Beziehungen einfließen und diese bestimmen. Die juristischen Auseinandersetzungen und die Beziehungsgeschichten vermischen sich so stark, dass zwischen Privatem und Beruflichem keine Trennung mehr möglich ist. Privates wird zum juristischen Streitfall oder eröffnet die Möglichkeit der Erpressung, und das Juristische definiert die Identität und Beziehungen der Figuren untereinander. Die Aufgabe der Gerichte ist es im Allgemeinen, die Wahrheit herauszufinden. Für Mike Ross ist die Wahrheit existenzbedrohend, für die Beteiligten ist die Wahrheit ein juristisches wie moralisches Problem. Aus Wahrheit und Lüge werden die dramaturgischen Funken geschlagen, die dieses Drama dauerhaft auf einem sehr hohen Spannungsniveau hält.

Das heimliche Zentrum der Serie Suits ist die Figur Louis Litt, die von dem Schauspieler Rick Hoffman grandios verkörpert wird. Er arbeitet als Seniorpartner in derselben Kanzlei wie Harvey und Mike, betreut die jungen Anwälte und ist ein brillanter Wirtschaftsanwalt. Trotzdem ist er auf Grund seiner zwanghaften Persönlichkeit und zahlreicher Ticks der klassische Antagonist von Harvey und Mike. Noch nie hat man in einer Serie eine Figur gesehen, die so viele Widersprüchlichkeiten in sich trägt, wie Louis Litt. Jeden emotionalen Gegensatz, den man sich vorstellen kann, findet man in der Figur Louis Litt wieder. Man ist ein wenig an Shakespeares Hamlet erinnert, der sich ebenfalls über die Widersprüchlichkeiten seiner Gefühlswelt erschließen lässt. Louis Litt ist von Ehrgeiz und Rivalität zerfressen, sein Ego verlangt von sich selbst, der unumschränkte Herrscher der Kanzlei zu sein. Er ist rachsüchtig und sanft, sadistisch und liebevoll, kleinkariert und großzügig, unversöhnlich und mitfühlend, machtbesessen und großzügig. Sein Ziel ist es, Namenspartner der Kanzlei zu werden und den Respekt von Harvey Specter zu bekommen. Allerdings macht Julia Pearson, die Namenspartnerin der Kanzlei, deutlich, dass Harvey für die Kanzlei der wertvollere und erfolgreichere Anwalt ist. Louis kann nicht verwinden, dass Harvey vor ihm zum Seniorpartner ernannt worden ist und betrachtet ihn als Todfeind. Für Harvey steht immer der Fall, Gerechtigkeit und das Interesse des Mandanten an vorderster Stelle, während für Louis jeder Erfolg oder Niederlage eine persönliche Angelegenheit ist. Seine Achillesferse ist seine Emotionalität. Beide, Louis und Harvey, sind Meister der Manipulation, aber Harvey ist der kühlere und gerissenere Anwalt, der bei jeder gefällten Entscheidung immer die unsichtbaren Dynamiken und Konsequenzen durchschaut und antizipieren kann. Louis Litt ist intrigant, rachsüchtig, sadistisch, erbarmungslos, machtbesessen, eifersüchtig und gleichzeitig kann er sanft, großzügig, mitfühlend und liebevoll sein, schützt seine Junganwälte wie eine Löwenmutter und übt gleichzeitig erbarmungslosen Druck auf sie aus, er liebt Katzen, Ballett, Theater, Schlammbaden und läuft zur Hochform auf, wenn man ihn um etwas bittet. Trotz seiner Machtbesessenheit und zahlreicher Ticks ist er eine Person, die geliebt werden will. Harvey scheint auf Grund seiner Haltung und unterdrückter Gefühle unberührbar zu sein und die Rivalität endet für Louis, der seine Gefühle nicht beherrschen kann, meistens katastrophal. Die gefühlsmäßigen Ambivalenzen zwischen zwanghafter Raserei und gefühlsbetonter Anteilnahme sind bei Louis Litt so zahlreich und vielschichtig, dass man sich fragt, wie so eine Person in einer anspruchsvollen Anwaltskanzlei überleben kann und wie ein Schauspieler sie darstellen kann? Der Schauspieler Rick Hoffman kann es und hat eine unvergessliche Figur geschaffen, es ist die Rolle seines Lebens.

Die Arbeitswelt, die in der Serie Suits abgebildet wird, hat nichts mehr mit Wahrheit und Gerechtigkeit oder den Schicksalen der Mandanten zu tun. Die Serie zeichnet ein gesellschaftliches Bild, in dem es nur noch um Geld, Manipulation und Erpressung geht und wo die juristischen Regeln gedehnt und benutzt werden, um einen Vorteil zu erlangen. Die Anwälte üben mit den Regeln der Gesetze Druck auf Firmen oder Menschen aus, um einen Deal auszuhandeln. Suits ist keine Anwaltsserie, in der in jeder Episode ein Fall abgehandelt wird, sondern ein Beziehungs- und Gesellschaftsdrama der besonderen Art, wo die juristischen Auseinandersetzungen eine Facette der Beziehungsgeschichten bildet. Manche juristischen Fälle werden in einer halben Episode abgehandelt, andere werden über die Dauer einer ganzen Staffel fortgeführt. In einer Gesellschaft, in der nur noch der Manipulation und Profit vorherrschen, hat das Individuum keine Chance mehr. Das bekommen selbst Harvey und Mike zu spüren als Harvey eines Tages psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen muss und Mike ernsthaft juristische Probleme bekommt. Die individuelle Genialität von beiden hilft ihnen in diesen Fällen nicht mehr weiter. Das Perfide ist, dass nur Menschen unter Druck gesetzt werden können, die die Regeln übertreten und sich versündigt haben. In diesem Sinn sind Harvey Specter und Mike Ross die angeschlagenen Erlöser, während Louis Litt der Teufel ist, der hin und her gerissen ist, ob er die Welt der Anwaltskanzlei unterwerfen und beherrschen will oder sie vernichten soll. Die Serie ist Zündstoff.

Erst in der sechsten Staffel lässt die Serie etwas nach, da der dramaturgische Motor, der mit Mikes Situation zu tun hat, sich verändert hat. Die Existenz der Kanzlei ist in großer Gefahr und in diesen schweren Zeiten rückt das Kernpersonal, die metaphorische Familie, zusammen. Es ist fraglich, ob die juristischen Problematiken, die hier verhandelt werden, in einer amerikanischen Realität so wirklich stattfinden könnten. Ob es solch ein durchlässiges Gefängnissystem in den USA wirklich gibt und ob die Gerichte und der Ethikrat der Anwaltskammer tatsächlich derartige Regelabweichungen tolerieren würden, ist fraglich. Die Auflösungserscheinungen der Kanzlei verstärken die Beziehungsdramen und schwächen gleichzeitig die ganze Erzählung, da die Identitäten der Protagonisten darauf angewiesen sind, Anwälte zu sein. Der Versuch die Identität einer Figur von seiner beruflichen Bestimmung als Anwalt zu trennen, ist der umgekehrte Weg einer klassischen Dramaturgie. Normalerweise sucht ein Held seine Bestimmung und verändert dadurch seine Persönlichkeit. Bei Suits wird anders als in den vorherigen Staffeln versucht den Anwalt von der Identität der Figur zu trennen, was dazu führt, dass sie ihre Persönlichkeit verlieren. Was passiert also mit der Identität eines Menschen, wenn er nicht der sein kann, der er sein will, wenn er nicht das tun darf, was er tun will?

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