Serie „Girls“

er die Serie Girls etwas zu schreiben ist gar nicht so einfach. Die Erfinderin der Serie, Lena Dunham, ist Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem. Der beste Rat ist, die Serie einfach anzuschauen. Ein besseres und genaueres Portrait der Unterdreißigjährigen wird man kaum finden. Der Regisseur Martin Scorsese hat den Darsteller Adam Driver in seinem Film Silence besetzt und sich einige Folgen von Girls angeschaut. Er kommentiert, dass ihm die Welt der Unterdreißigjährigen vollkommen fremd sei und er sich auch nicht sicher sei, ob er so genau wissen wolle, was in ihnen vorgehe. Wer sich die Serie anschaut, wird sich nicht nur einmal vergeblich die Frage stellen, was geht in den Köpfen dieser Menschen vor? Die jungen Menschen von heute ticken vollkommen anders als ihre Eltern und scheinen in die von den Elterngenerationen geschaffenen Gesellschafts- und Arbeitsstrukturen nicht mehr hineinzupassen. Einen Platz im Leben zu finden, eine Beschäftigung mit genügend Geld und einem Dach über dem Kopf, ist ein archetypisches Problem für alle jungen Generationen. Aber was passiert mit den Menschen, die den gesellschaftlichen Normen nicht gerecht werden oder sich verweigern? Die Darstellung der Diskrepanz zwischen Anspruch ans eigene Leben und gesellschaftlicher Wirklichkeit rückt diese Serie näher an der Realität von jungen Menschen als es je eine fiktionale Erzählung hätte sein können.

Die Hauptfigur Hannah Horvath wird von Lena Dunham verkörpert, die in der Serie das Ziel hat, eine Autorin zu werden. Zugleich muss sie mit ihrem unförmigen Körper klar kommen. Zwei Dinge also, die in einer hippen Welt der jungen Menschen eine große Rolle spielen, geistreich sein zu müssen und einen guten Körper zu haben. Als intellektuelle, reflektierende Person ist ihr vollkommen klar, dass ihr unproportionierter Körper mit den Wert- und Idealvorstellungen einer amerikanischen Gesellschaft niemals in Einklang zu bringen sind. Ihre Strategie, diese Unvereinbarkeit zu überwinden, ist es, ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Kleidung und ihre Ansichten auf geradezu exhibitionistische Art und Weise der Welt vorzuführen und zuzumuten. Sie stülpt ihr Innerstes schonungslos nach außen und nimmt auf keine Meinung Rücksicht. Ihr offenes Verhältnis zur Sexualität, überhaupt ihre Offenheit, macht sie für Männer attraktiv. Sie sondert sich nicht ab oder zieht sich zurück, nein, sie stürzt sich mitten ins Getümmel und fordert von ihrer Umgebung alles ein, was für die Schönen und Reichen selbstverständlich ist. Unvergesslich die Szene, wo sie nackt mit einem Freund in der WG Tischtennis spielt. Sie geht diesen Weg, und dieser Weg ist gewiss nicht der einfachste. Aber er ist der wahrhaftigste Weg, der voller Komik und Ironie aufzeigt, in was für einer entfremdeten Welt die jungen Generationen leben, welche Risse durch die Gesellschaft gehen, und wie verzweifelt die jungen Menschen einen Platz oder Sinn im Leben suchen.

Im Zentrum der Serie stehen Hannahs beste Freundinnen Jessa, Shoshanna und Marnie sowie den Freunden Adam, Ray und Elijah. Jessa ist eine ehemalige Drogenabhängige, die gnadenlos ihre Lust auslebt und jede Form von Heuchelei durchschaut und lächerlich macht. Shoshanna empfindet sich selber als nicht liebenswert und versucht durch taktische betriebswirtschaftliche Planung ein künstliches Selbstbild zu schaffen, das mit ihren Gefühlen unmöglich in Einklang zu bringen ist. Und Marnie hängt der Vorstellung einer perfekten Liebesbeziehung hinterher, die sie blind für den Charakter der Männer macht, mit denen sie zusammen sein will. Was diese Frauen verbindet, ist eine unsägliche Einsamkeit und die vergeblichen Versuche diese Einsamkeit durch Liebesbeziehungen zu überwinden. Überdeutlich erzählt die Autorin Lena Dunham, dass materielle Sicherheit sowie beruflicher oder künstlerischer Erfolg diese Einsamkeit nicht kompensieren können, sondern sie im Gegenteil noch verstärken.

In der Eröffnungsszene der Serie teilen Hannahs Eltern ihrer Tochter mit, dass sie von ihnen nicht mehr weiter finanziell unterstützt wird. Der Moment, wo die Kinder von ihren Eltern endgültig abgekoppelt werden und sie als Erwachsene die volle Verantwortung über ihr Leben übernehmen müssen, beschreibt Lena Dunham als einen Moment tiefster Einsamkeit. Die Exaltiertheit aller vier Frauen verdeutlicht diesen existenzbedrohenden Überlebenskampf. Nach den gesellschaftlichen Wertmaßstäben sind sie alle Verlierer, die nicht bereit sind sich anzupassen und sich den gesellschaftlichen Konventionen von Ehe und Beruf zu unterwerfen. Sie wehren sich dagegen, ihre Individualität aufzugeben und von den gesellschaftlichen Konventionen vereinnahmt zu werden. Die Chance, ihre tiefempfundene Einsamkeit zu überwinden, wäre dann für immer vertan.

Und hier kommen die Männer ins Spiel. Hannah und Adam leben ihre perversen Sexfantasien aus und stellen nach einiger Zeit fest, dass das Verständnis und die Toleranz für die Peinlichkeiten und Perversionen des anderen bei ihnen starke Gefühle auslösen. Die unbedingte Offenheit führt zur größtmöglichen Annäherung, welche die Illusion vermitteln, die Einsamkeit überwunden zu haben. Als Adam später seine Berufung als Schauspieler findet, lässt er Hannah daran nicht mehr teilnehmen und schließt sie aus diesem Teil seines Lebens aktiv aus. Dadurch wird Hannah wieder auf ihre ureigene Einsamkeit zurückgeworfen. Als Adam sich später in eine andere Frau verliebt, wird die unbedingte Offenheit und imaginäre Annäherung zum Bumerang, der bei Hannah heftigste Gefühle der Verzweiflung und Fassungslosigkeit auslösen. Die Intimität, die Hannah von ihren drei Freundinnen und Adam einfordert, wird in dem Moment ein Problem, wo jeder über jeden das Intimste weiß. Daran schließt sich die Frage an, ob die innerste Einsamkeit wirklich jemals überwunden werden kann.

Ray ist der Mann, der sich keine Illusionen über das Leben macht, der Realist, der am Anfang pessimistisch, miesepeterich, bürgerlich und langweilig wirkt. Im Laufe der Serie ist er die Figur, die am meisten wächst und die man als Zuschauer immer mehr mag. Er ist die Person, der seine Freunde immer wieder erdet und auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Shoshanna und Ray werden ein Paar, da Ray genau das zu verkörpern scheint, was Shoshanna zu suchen meint. Aber Shoshanna erkennt erst später in Japan, wo sie ein entzückendes Bild ihrer selbst schafft, dass sie durch die Inszenierung eines öffentlichen Bildes von sich selbst ihre entsetzliche Einsamkeit nicht überwinden kann. Sie leidet unsäglich daran, dass Ray sie nicht zurückhaben will, aber Ray liebt heimlich die schöne Marnie, die wiederum vergeblich der perfekten Liebe hinterherrennt und natürlich nur von Bad Boys oder Künstlern angezogen ist, die sie zu domestizieren können glaubt. Ray ist der wahre Freund von Marnie und zugleich weiß er, dass er keine Chance bei ihr hat.

Wenn man sich die Serie unter filmdramaturgischen Gesichtspunkten anschaut, fällt auf, dass die Serie praktisch keine Handlung hat, sondern lediglich aus Alltagssituationen zu Hause, bei der Arbeit oder im Liebesleben besteht. Die Gewichtung der filmdramaturgischen Kriterien ist hier anders gesetzt als bei anderen Serien. Die Handlung ist auf ein Minimum reduziert und der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Beziehungen. Die Figuren haben kein Handlungsziel und sie machen auch keine inneren Wandlungen durch, wie es bei Komödien sonst üblich ist. Durch die Offenlegung der Gefühlwelt und ihrer mitunter launischen Schwankungen wird aber genau hier die Widersprüchlichkeit erzeugt, die bei einer Serie unerlässlich ist. Bei einer Comedy-Serie ist diese Gesetzmäßigkeit nicht ungewöhnlich, bei einem Drama aber schon. Warum Girls als Komödie eingestuft wird, könnte man mit diesen Kriterien begründen, aber in Wahrheit ist diese Serie ein Drama über die Suche nach einem Platz und dem Sinn im Leben. Es gibt kaum eine Szene, die nicht in der tiefsten Depression beginnt und im wahren Glück endet oder umgekehrt mit einer himmelhochjauchzenden Szene anfängt und sich ins schlimmste Schlamassel verwandelt. Dieser Wechsel der Stimmungslage innerhalb einer Szene, die Fallhöhe jeder einzelnen Szene, ist in Girls das stilprägende Element.

Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. In der letzten Staffel von Girls kann man sehen, was für eine großartige Erzählerin Lena Dunham geworden ist. Jede Episode ist ein Meisterwerk und zeigt, wie die Protagonisten erwachsen werden. Hannah wird eine Entscheidung aufgezwungen und übernimmt die Verantwortung über ihr Leben, Adam und Jessa beschließen einen Film über ihre zerbrochene Freundschaft zu Hannah zu drehen, Marnies Selbstbelügereien führen zur totalen Auflösung aller Beziehungen, keine der Frauen können mit Rays Anteilnahme an ihrem Leben etwas anfangen und Hannahs Mitbewohner Elijah Katz, der heimliche Star der letzten Staffel, entdeckt seine Begabung als Schauspieler. Das chaotische, scheinbar ziellose Leben der jungen Menschen bekommt in der letzten Staffel eine Zielrichtung verpasst, das auch erzählerisch ins konventionelle Erzählen mündet. Die Dramen und das Leben der Protagonisten bekommen eine Struktur, die sich auch im strukturellen Erzählen widerspiegeln. Das innere Chaos der geliebten Figuren löst sich langsam auf, und das ist vielleicht gar kein schlechter Grund, diese Serie nicht mehr weiterzuführen.

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